Montag, 16. Januar 2017

Life lately - Culinary Edition


Ein kanadischer Freund sagte neulich: Warum soll ich mir ein Rezept aufschreiben? Es ist viel schöner, bei der Köchin immer wieder danach zu fragen. 

Mutters Gigot ist so ein Rezept. (Und die Omeletten. Und der Milchreis. Und eigentlich auch die Knöpfli!) Auf Nachfragen rückt sie gerne mit dem Familiengeheimnis, welches von ihrer Schwiegermutter an sie weitergegeben wurde, heraus:

Schmuck'scher Lammgigot: 

Am Vorabend, mindestens jedoch ein paar Stunden vorher:
  1. Mit einem scharfen Messer unzählige kleine Löcher stechen, diese mit einem Splitter Knoblauch und einigen Nadeln Rosmarin füllen
  2. Mit Senf einstreichen. Grosszügig. 
  3. So früh wie möglich vor der Zubereitung aus dem Kühlschrank nehmen - Zimmertemperatur ist angestrebt.
  4. Überflüssigen Senf abreiben, salzen und pfeffern
  5. 20 Min anbraten im Ofen bei 220Grad (Faustregel: pro halbes Kilo zwanzig Minuten bei 180Grad).
Für die Sauce: Bratensatz in der Backform mit Weisswein (NICHT kalt!) ablöschen, etwas klare Bratensauce, etwas Tomatenpuree (wenig) dazu und abschmecken mit Pfeffer und Salz.

Also wagen wirs!








Fasch so guet wie das Original. Aber eben nur fast. Aber das liegt vielleicht auch daran, dass man sich an Mutters Tisch einfach hinsetzen und geniessen kann. 

Eine weitere Premiere im House of Wild: Truthahn! Nach Weihnachten sind sämtliche unverkaufte Güggel im Supermarkt um die Hälfte reduziert. Da lassen wir uns überreden. Machen wirs kurz: Die Bilder sehen besser aus, als es geschmeckt hat. Der Vogel ist zäh und trocken geworden. Die Resten können wir vier Tage später nicht mehr sehen.







Clubsandwich aus Truthahnresten

Meine Männer überraschen mich mit einem weiteren Festtagsrezept zum Geburtstag. Und wenn ihr nur ein einziges Rezept vom Blog ausprobiert, so muss es dieses werden. Ihr werdet mit den luftigsten und knusprigsten Waffeln aller Zeiten belohnt werden. Versprochen!


Hefewaffeln nach Cynthia Barcomi

ergibt 6 - 8 Stück

Zutaten:
  • 21g frische Hefe (1/2 Würfel) oder 7g (1 Päckchen) Trockenhefe
  • 125ml Wasser, Zimmertemperatur
  • 5g Zucker (1TL)
  • 485ml warme Milch
  • 120g zerlassene Butter
  • 3/4 TL Salz
  • 285g Mehl
  • 2 Eier
  • 1/4 TL Natron
  1. Am Vorabend die Hefe mit dem Wasser und dem Zucker in einer grossen Rührschüssel (ca. 3L, der Teig wird sich über Nacht aufblähen) vermischen.
    5 Minuten ruhen lassen.
  2. Haben sich danach Bläschen gebildet, ist dies ein gutes Zeichen. Die Hefe lebt.
  3. Milch, Butter, Salz und Mehl hinzufügen. Von Hand oder mit dem Mixer gut verschlagen.
  4. Mit Folie abdecken und über Nacht auf dem Küchentisch stehen lassen.
  5. Morgens die Eier verschlagen und das Natron untermischen. Das Waffeleisen ganz heiss werden lassen und loslegen.
  6. Der Teig ist zwar ziemlich dünn, macht aber die besten Hefewaffeln der Welt. Er hält sich zwei Tage im Kühlschrank und zwei Monate im Gefrierer.



Fragt man Auslandschweizer, was ihnen aus der Heimat am meisten fehlt, folgt als Antwort in 99% aller Fälle: Gutes Brot! Wir bilden da keine Ausnahme. Während ich in meiner naiven Vorstellung vor unserem Umzug die Schweiz, Deutschland und Österreich immer etwas unbedarft in den selben Topf geworfen habe (wie anders kanns da schon sein?), stellen wir als Expats nun fest: Sehr. 

Wenn man bedenkt, dass sogar Berner die Basler Fastenwaie importieren müssen, weil sie von selbst nicht darauf gekommen sind, und man in der Schweiz alle dreissig Kilometer auf einen neuen Dialekt stösst, dürfte es eigentlich keine Überraschung sein, dass sich hier für uns - 700km von Köniz entfernt - eine ganz neue Backwelt eröffnet. Oft erhält man hier unter dem Stichwort Brot eine auf Sauerteig basierende Kreation, welche sich in Scheiben geschnitten hervorragend zur Gebäude-Isolation eignen würde. Brot aus dem Plastikpackerl, ebenfalls sehr beliebt, lassen wir gleich links liegen und backen lieber selber. 

Während einer Chat-Unterhaltung mit meinem Vater beklage ich, dass meine Brote einfach nicht mit einem Schweizer Beck-Ruchbrot zu vergleichen seien. Mein Brot schmeckt uns zwar, lässt sich einfach variieren, trocknet aber relativ rasch aus und ... verleidet uns in seiner Repetition doch langsam. Und was macht mein Vater? Er erklärt mir sein bewährtes Brotrezept. 

Für alle Mitleser, die unsere Familie nicht kennen. Das müsst ihr euch in etwa vorstellen, wie wenn Barack Obama mit Ivanka Trump Inneneinrichtungstipps austauscht.

Mein Papa kann alles. Launische Neuntklässler (und Teenagertöchter) zähmt er mit derselben Leichtigkeit, wie ein Lehrerzimmer voller angriffslustiger Pädagoginnen. Er beherrscht zwanzig Instrumente (nicht gleichzeitig), liest fünf Bücher pro Woche (gleichzeitig) und kennt jeden Autoren zurück bis Dante und Aristoteles, baut aus einem Stück Schnur, einem Joghurtdeckeli und zwei alten Skiern ein Funkgerät, dass selbst MacGyver vor Neid erblassen würde, zitiert Chevallier und Tucholsky im Schlaf, und verfügt über die grösste Sammlung an lustigen JPEGs und GIFs von hier bis Novosibirsk.

Aber Küchenwissen?

Mein Vater kochte bei uns häufig am Wochenende und war Meister darin, aus Kühlschrankresten ein schmackhaftes Dreigangmenü zu zaubern. (Ausser es handelte sich um Spaghetti Bolognese. Aber das verdient einen eigenen Blogpost.) Ansonsten überliess er den Haushalt vertrauensvoll meiner Mutter. Pensionierung und gesundheitliche Schwierigkeiten verlangten jedoch vor wenigen Jahren eine Neuverteilung der Departemente. Seither übernimmt mein Vater ein Grossteil des Haushalts, den Wocheneinkauf, das Kochen, ja sogar die Wäsche und entlastet damit meine Mutter. Wer jetzt denkt, bitzeli Ravioli wärmen kann ja jeder, der täuscht sich. Was mein Vater anpackt, das macht er nämlich grad richtig. Er gründete kurzerhand eine Kochgruppe im Internet, und tauscht nun mit pensionierten Köchen und Bäckermeister, Mütter und Hausfrauen (und aus Neugierde hinzugefügten Ehemännern) Rezepte und Erfahrungen aus, lernt den Unterschied zwischen Béarnaise und Béchamel, probiert neue Lebensmittel aus (Aubergine schmeckt!), und wagt sich nun sogar an die Königsklasse: Das Backen. 

Was mich wieder zu meinem Brotrezept zurückbringt, welches ich (auf unsere Bedürfnisse leicht abgeändert) mit Genehmigung poste:

Ruchbrot
  • 400g Ruchmehl
  • 100g Weissmehl
  • 11g Salz
  • 1 Beutel Trockenhefe
  • 3 - 3,5dl lauwarmes Wasser
Alle Zutaten gut vermengen und ausgiebig kneten, bis ein geschmeidiger Teig entsteht. Wir überlassen die Arbeit unserer Kenwood (max. Stufe 2 während 10 Minuten). Den Teig 4 bis 5 Stunden (vier haben sich für uns bewährt) in einer Schüssel zugedeckt an einem warmen Ort gehen lassen lassen. Darauf achten, dass keine Zugluft herrscht.

Anschliessend den Brotlaib nach Wunsch formen, leicht einschneiden und auf dem Blech nochmal 45min gehen lassen. Den Ofen auf 240Grad vorheizen. Brot mit Wasser einpinseln und vorsichtig (Erschütterungen vermeiden) in den Ofen schieben. Nach den ersten zehn Minuten Backzeit die Hitze auf 200Grad reduzieren und 30min fertigbacken, bis der gewünschte Bräunungsgrad erreicht ist, und das Brot beim Klopfen auf die Unterseite hohl klingt.





Auf Platz eins der Lieblingsessen unserer Söhne: Fischaberganzmitbäckli!


Aus der Schweiz eingeschmuggelt importiert: Vacherin Mont d'Or. Wir tunken am liebsten Ruchbrotstückchen, Birne und Apfel. Leider war dies vorläufig unser letzter Laib. Mag uns wiedermal wer besuchen kommen?


Mit einem Dry Aged Beef, Ofenschnitzen und Bohnewädeli feiern wir das Wochenende. Bei uns ist nicht unverhofft der Wohlstand ausgebrochen. Die zwei wunderbaren Fleischstücke waren samstags kurz vor Ladenschluss auf die Hälfte reduziert. 







Und zum Schluss - damit unser Grill nicht vergisst wies geht - schmeissen wir die ersten Spareribs von 2017 auf den Rost. Im Netz bin ich über den Tipp gestolpert, die Ribs zuerst zu kochen, bevor sie für die letzen zehn Minuten auf den Grill wandern. Und das Resultat ist Weltklasse! Das Fleisch wird butterzart und fällt von alleine vom Knochen.

1,5kg marinierte Rippli wandern für vier Stunden in den Slowcooker. Das lässt genug Zeit für Arztbesuch, Schwimmkurs, Memory spielen und Couscoussalat vorbereiten. 
Nach einem kurzen Tschschtschsch auf dem verschneiten Balkon wird angerichtet. Und geschlemmt!







Sonntag, 15. Januar 2017

Im Januar, im Januar...

Es geht nichts über eine gute alte Angina, um den Neujahrsvorsätzen Nachdruck zu verleihen. Im Medizinschrank summieren sich die Packerl, während die Kilos purzeln.



Essen wird zu einer ungewohnten Qual, wenn jeder Bissen an Rasierklingen im Hals vorbeiführt. Auch mein Geruchssinn ist beeinträchtigt, was das Kochen für die Familie zu einem Lotteriespiel macht. Pancakes sind zum Glück ein Dauerbrenner. Und weich genug sind sie auch für die Patientin.



Pancakes nach Cynthia Barcomi

  • 180g Mehl
  • 2TL Backpulver
  • 1/2 TL Salz
  • 2 Eier
  • 2dl Milch
  • 30g flüssige Butter
  • opt. 10g Zucker
Trockene Zutaten locker (!) zu den flüssigen geben. Leicht vermengen und esslöffelweise in der Pfanne ausbacken.

Bis auf den einen oder anderen Schnupfen bleiben meine drei Männer zum Glück von solchen Käfern verschont. Max und Cedi kümmern sich rührend um mich. Als ich mit Fieber im Bett liege, spielen die beiden friedlich stundenlang im Kinderzimmer. Gelegentlich schleicht sich einer in die Küche, um sich ein Gummibärli zu stibitzen oder tappt leise ins Schlafzimmer, um mir über Gesicht zu streicheln. Es scheint für die zwei nachgerade spannend, dass Mama für einmal ausfällt und Pflege bedarf. Auch wenn ich mich sterbenselend fühle, geniesse ich die Aufmerksamkeiten und Annehmlichkeiten, welche ich sonst meinen kleinen Patienten bereite. Max liest mir eine Gutenachtgeschichte vor, während mir Cedi eine Tasse Tee und sein liebstes Stofftier bringt. Was für liebe Buben! 

Abgesehen davon hat uns der Alltag wieder. Michael bekommt in der Firma spannende neue Aufgaben zugeteilt. Es macht mich glücklich zu sehen, wie aufgestellt er arbeiten geht, und mit welcher Zufriedenheit er abends nach Hause kommt. Auch die Burschen legen einen grossartigen Start in der Schule und im Kindergarten hin. Max erledigt plötzlich seine Hausübungen in einem Bruchteil der Zeit. Er entdeckt seine Freude an der Mathematik und liest zum ersten Mal ein Bilderbuch von Anfang bis Ende selber durch. Cedric hingegen geht nun auch im Kindergarten aufs WC, auch wenn er sich von der Windel noch nicht trennen mag. Er löst mit einer Engelsgeduld und Ausdauer Puzzles am Laufmeter - mittlerweile auch solche, die Max geschenkt bekommen hat, sich aber nicht recht dafür begeistern mag. Der Mittagsschlaf ist nun gänzlich abgewöhnt. Nach dem kürzlichen Schlittelausflug mit dem Kindergarten lassen die Kräfte aber schon vor dem Abendessen nach: Cedi schläft auf meinem Bauch ein, während wir uns ein Youtube-Video anschauen. 


Unsere Ferienwoche in der Schweiz hallt immer noch nach. Es war einfach wundervoll, all unsere Familien und so viele Freunde wiederzusehen, durch unseren alten Wohnort zu flanieren und in Erinnerungen zu schwelgen. Jeder einzelne Tag war vollgepackt mit Einladungen und Treffen, um das meiste aus der kurzen Zeit herauszuholen. 

Meine Freundin Fabienne vermietet uns ihr Kellerstudio. Hier können wir uns selber sein und den Buben eine Basis bieten, welche einen Ausgleich zu den hektischen Tagen bietet. Beide Grosselternpaare hätten uns gerne als Gäste aufgenommen. Aber wir brauchen die Gelegenheit zum Rückzug und ein "eigenes" Zuhause, um zwischendurch zur Ruhe zu kommen.


Während die Kinder bei den Grosseltern spielen, spazieren Michael und ich durch das winterliche Thun und geniessen seit langem die ersten Stunden zu zweit.



Bern, während der letzten zehn Jahren unser Zuhause, sehen wir nach den sechs Monaten im Ausland mit ganz neuen Augen. Wir staunen über die in kurzer Zeit entstandenen Veränderungen in der Stadt und über den schier unerschwinglich gewordenen Kaffee. 4.50 füre Schale?! Wir begreifen langsam, worüber Touristen aus dem Euro-Raum seit Jahren klagen und rechnen nach, wieviel Diesel wir benötigen, damit es gerade über die Grenze zur ersten österreichischen Tanke reicht.  

Bärn, i ha di gärn!


Wenn nur ein Kaffee drinliegt, solls ein rechter werden. Adriano's. What else?

Darauf freuen sich Max und Cedi schon lange: Die zwei dürfen bei Götti und Gotti in Gümligen übernachten. Zum ersten Mal besuchen die beiden mit der Patenfamilie die Eisbahn. Nach anfänglicher Skepsis (und einer grossen Portion Pommes!) tauen sie nicht nur langsam auf, ja bekommen sogar Spass an der Sache. 









Abends wärmen sie sich an der Finnenkerze im Garten und bauen Legoautos zusammen. Und vermissen uns keine Sekunde!

Als wir am nächsten Tag dazustossen, um Gotti Claudias Geburtstag zu feiern, finden wir alle Kinder vor dem Cheminée mit Stangenbroten und Cervelats. Nach einem halben Jahr Abstinenz schmecken die drei Bissen Wurst, die Cedi mit mir teilt, absolut himmlisch.




Der neuerliche Abschied von unseren Freunden auf unbestimmte Zeit ist kein leichter. Ob wir mit der Zeit darin Übung bekommen? 

Keine Schneeflocke weit und breit. Bei schönstem Kaiserwetter spazieren wir mit Michaels Eltern von Schönried nach Gstaad. Max und Cedi sind ausgelaugt von der intensiven Woche und müssen meterweise bestochen und zum Weiterlaufen überredet werden. Nach einer kurzen Bahnfahrt retour wartet eine tolle Belohnung auf uns alle: Ein Mittagessen auf der Sonnenterrasse vom Hotel Kernen in Schönried.





Einen Tag vor unserer Rückreise sind wir in unserem ehemaligen Wohnhaus zu einem Raclette-Abend mit Nachbarn eingeladen. Mit einem seltsamen Gefühl im Bauch nähern wir uns der alten Strasse. Wie ungewohnt, unten am Haus um Einlass zu klingeln! Als sich die Lifttüre im zweiten Stock öffnet, rollen die ersten Tränen. Meine Freundin Andrea, Max und Cedrics Tagesmutter, bereitet uns einen warmherzigen Empfang. Wir umarmen uns lange. Was hat sie mir gefehlt! Die Buben hingegen machen sich nichts aus den Sentimentalitäten und stürmen wie am allerersten Tag nach dem Einzug die Wohnung, schnappen sich die lang entbehrten Freunde und Spielsachen und sind sofort wieder ... daheim.


 



 



Nach einer kurzen Stippvisite im Parterre bei Ursula und Kamel fahren wir ein letztes Mal Richtung Thun. Mit einem Kloss im Hals steuere ich den Volvo die vertraute Strecke Richtung Autobahn. Was wir alles aufgegeben und hinter uns gelassen haben... 

Jetzt gilts vorwärts zu schauen, nicht zurück. Unsere Auswanderung haben wir noch keinen Tag bereut. Doch fehlen uns immer noch unsere Beziehungen, unsere Freunde und Familie. Unser Netz, das uns jederzeit trug und Halt gab. Auch wenn neue Bande hier in Österreich geknüpft sind, sind diese Verbindungen erst zart und distanziert

Gelegentlich fehlt mir einfach das Schnattern und die zufälligen Begegnungen im Treppenhaus und der gemeinschaftlichen Waschküche. (Auch wenn die eigene Maschine unbestritten Vorteile bietet.) Aber dass ich unmittelbar nach dem Einzug den halben Keller flutete, weil ich die Tricks und Kniffe unserer Waschmaschine noch nicht kannte, legte den Grundstein für eine wunderbare Freundschaft. Merci, Andrea und David... Pour tout!